Schoolteacher Simulator
What were they thinking?! Ein spielgewordener Fiebertraum.
Eigentlich sollte das hier ein Ramen-Review werden. Weil ich mich aber vollumfänglich im Schnupfen-Modus befinde und meine Geschmacksnerven unter einer dicken Schicht Schnodder und Schleim begraben sind, verschieben wir das mal lieber. Aber apropos kein Geschmack: Da findet sich doch bestimmt was Schlechtes bei den Schnäppchen im eShop. Wird eh mal wieder Zeit für ein grottiges Spiel, und den ganzen Tag nur jammernd und stöhnend auf der Couch rumgammeln ist auch langweilig auf Dauer, jammern und stöhnen kann man schließlich auch beim Zocken. 💪 Nach kurzer Suche habe ich dann auch direkt etwas gefunden, das herrlich schlecht aussieht. Hefte raus, Klassenarbeit – wir spielen heute den Lehrersimulator!
Was so alles laut Produktbeschreibung auf uns zukommt: Wir sollen aufpassen, dass die Kinder sich konzentrieren und müssen reagieren, wenn sie sich danebenbenehmen. Jeden Tag soll es Events wie Gesangswettbewerbe, Busausflüge oder Sportwettkämpfe geben. Jeder Schüler und jeder Lehrer hat seine eigene Persönlichkeit! Na, da bin ich ja mal gespannt. Da wird ja ganz schön viel aufgefahren für 99 Cent… Außerdem werden wir die „sehr reiche“ Geschichte eines Schülers kennenlernen und dessen Probleme lösen. 7 Tage im Leben eines Lehrers spielen wir, steht da. Das mit dem „viel aufgefahren für 99 Cent“ nehme ich dann erst mal vorsichtshalber wieder zurück, 7 Tage klingt dann doch eher nach wenig Umfang. Aber gucken wir mal. Vielleicht sind es ja 7 Tage in Echtzeit. Oder so. Wie auch immer: Auf geht’s! Kugelsichere Weste anziehen, Pfefferspray zücken – wir gehen rein!
Es geht schlecht los und wird nicht besser
Die Startseite dient gleichzeitig als Übersicht über die Tastaturbelegung: Viel mehr als sich zu bewegen, zu bestätigen und die Kamera zu drehen wird nicht zu tun sein. Sehr gut, ich mag einfache Spiele. 😊 Ein aufregender Techno-Beat peitscht uns schon mal auf, um in die richtige Stimmung zum Unterrichten zu kommen. Im Spiel angekommen herrscht dagegen Totenstille. Wir sehen ein Klassenzimmer, und wir sehen eine ultraklein gedruckte Liste und die Anweisung, dass wir die Anwesenheit der Schüler kontrollieren sollen. Zoomen kann man nicht, also muss die alte Frau hier jetzt erst mal die Brille abnehmen und ihre Schnupfennase ganz nah an die Switch bewegen. Moment… So, jetzt geht’s. Also: Man klickt die Namen der Schüler an und kriegt dann von der Klasse mittels Sprachausgabe auf Englisch mitgeteilt, ob sie da sind oder nicht. Eric ist zum Beispiel nicht da, weil er alten Fisch gegessen hat und den ganzen Tag nicht vom Klo runterkommt. Egal, ob der Schüler anwesend ist oder nicht, das Feld auf der Liste färbt sich rot. Keine Ahnung, ob das so richtig ist. Dachte kurz, die Aufgabe dient vielleicht dazu, die Jugendlichen kennenzulernen, aber es ist nicht erkennbar, welcher Name zu welcher Person im Klassenzimmer gehört. 🤷♀️
Mitten im Verlesen des letzten Namens unterbricht das Spiel sich selbst und wechselt direkt zur nächsten Aufgabe: Aus 7 Fragen sollen wir 4 aussuchen für eine Klassenarbeit. Sie sind unterschiedlich schwer, und je nach Schwierigkeitsgrad wird die Klasse den Test gut bestehen oder halt nicht. Unmittelbar danach sollen wir einen Mogler enttarnen, indem wir auf einen verbotenen Gegenstand klicken. Man kann mittels der Thumbsticks die Kamera drehen und sich durch den Raum bewegen, allerdings ist die Steuerung sehr gewöhnungsbedürftig: Mit links bewegt man die Kamera, mit rechts läuft man an den emotionslos auf ihren Stühlen herumsitzenden Schülern vorbei.
Mit strenger Stimme konfiszieren wir ein Handy. Gesehen hab ich zwar keins, aber man kann ja nicht alles haben. Nach dieser Aneinanderreihung von lächerlichen Quatsch-Aufgaben klingelt es auch schon zur Pause. Wir sollen alles beaufsichtigen und auch einen Blick auf die Toiletten werfen. Charaktere, mit denen man interagieren kann, sollen durch eine Sprechblase über dem Kopf erkennbar sein. Die Steuerung ist fürchterlich, man kann sie aber auch leider nicht anpassen. Auf dem Klo höre ich einen Dialog mit: Jemand hat den Verdacht, schwul zu sein. Ein Mädchen antwortet, das wäre nicht schlimm, sie mag Schwule. Ich will mich diskret zurückziehen, das geht mich nichts an. Aber vor lauter komischer Steuerung drehe ich erst mal den Raum 5x auf den Kopf und wieder zurück, bevor ich es aus Versehen doch noch durch die Türe schaffe. So langsam wird’s ärgerlich. Kurz einen Blick in die Turnhalle werfen: Ein joggendes Mädchen hat sich am Fußballtor festgelaufen, am anderen Ende der Halle macht jemand sinnlose Bewegungen – schnell raus hier, die sind doch alle bekloppt. Auf dem Korridor allerdings genauso: Eine Businessfrau mit Hosenanzug und High Heels wirft eine Frisbee durch die Halle und auch gleich durch ihre Mitmenschen, jemand anderes sieht aus, als hätte er leuchtende Cyborg-Gliedmaßen… Was ist denn da los in den Schulen heutzutage? Sodom und Gomorrha.
Sinnlose Aufgaben und noch sinnlosere Dialoge
Ah, da ist jemand mit Zeichen über dem Kopf! Interagieren kann ich nicht mit ihm, aber als besonderen Service höre ich immerhin direkt 2 Stimmen gleichzeitig, wenn ich ihn anspreche. Eine beschwert sich ein bisschen gangstermäßig, aber in sehr gefasstem Tonfall, dass sie 2 Dollar für Cola bezahlt hat und jetzt den fucking Automaten zerstören wird, und die andere erzählt, was sie gerade liest. Eine grauhaarige Frau und ein Mädchen tanzen Macarena. Fiebertraum… Als ich mit einigen Schwierigkeiten um die Ecke biege, entdecke ich doch glatt eine lautlose Schlägerei! So nicht, nicht an meiner Schule! Per Knopfdruck bestätige ich, dass ich das dem Direktor melden werde. Ich komme in der Kantine an, wurde vorher per Einblendung darauf hingewiesen, dass manche Menschen etwas introvertierter sind und ich mich einfach zu ihnen setzen soll, entdecke einen introvertierten Menschen, der auf seinen introvertierten Hamburger starrt, kann mich aber selbstverständlich nicht zu ihm setzen. An der Essensausgabe kann ich zwischen Hamburger und normalem Essen wählen. Hamburger, bitte! Vielleicht kann ich so ja doch noch ins Gespräch kommen mit dem Dude. Mein Loblied auf den vor mir in der Luft schwebenden Burger wird mitten im Wort vom Spiel unterbrochen, wahrscheinlich ist es ihm selber zu blöd.
Auf dem Schulhof ein weiterer albern gekleideter Typ mit Sprechblase auf dem Kopf und Zigarre im Mund. Ich frage ihn, warum er hier raucht, er antwortet, er wäre der Direktor und hätte heute angefangen zu arbeiten. Was der Knilch im Pförtnerhäuschen auf meine Frage antwortet, ob es hart ist, hier zu arbeiten, verstehe ich nicht, weil er zeitgleich mit mir anfängt zu reden. Tja. Wird aber wohl nicht so wichtig gewesen sein, vermutlich. Wieder im Inneren entdecke ich mit Schrecken, dass es auch noch ein Obergeschoss gibt. Dachte, ich hätte es bald mal geschafft, aber nein… Oben ist es nicht besser als unten, aber immerhin entdecke ich den Typen mit dem Colaproblem, den ich versehentlich unten schon gehört hatte. Er tritt in Dauerschleife schlecht animiert gegen den Automaten und wiederholt immer den gleichen Text.
Jeremy raucht, Jeremy rappt
Oh, hier, Action! Ein Typ mit einer überraschend neongelb brennenden Zigarette im Mund hockt auf dem Schulkloboden, macht Bewegungen, als würde er Dinos zähmen, und bittet mich, seinen Eltern nichts zu erzählen. Ich kann aus zwei Optionen wählen: Es dem Direktor melden oder dem Jungen nur raten, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich lasse natürlich Milde walten, und er bedankt sich. Wer weiß, wofür das später mal gut ist. Für gar nichts wahrscheinlich. Immerhin ist die Pause jetzt vorbei, und ich soll zum Veranstaltungssaal gehen, da findet ein Gesangswettbewerb statt. 3 Kandidaten sind schon anwesend, sie singen bzw. rappen ein bisschen. Tatiana hält das Mikro falsch herum, Anna hält es sich ans Ohr wie ein Handy. Sowas unterstütze ich nicht, meine Stimme geht also an Jeremy und seine kleine Rapeinlage. Tosender Applaus in der so gut wie leeren Aula. Mein lieber Herr Gesangswettbewerb, ist das ein komisches Spiel…
Als nächstes sollen die Erdkundetests vom Vormittag kontrolliert und benotet werden. Wir sehen die Antworten, die die Schüler gegeben haben, aber nicht, ob sie richtig oder falsch sind. Soll ich jetzt auch noch googeln oder was? Und ich weiß auch nicht, warum ich vorher 4 Fragen aussuchen sollte, wenn doch alle 7 Fragen relevant sind. Ich gebe einfach jedem die bestmögliche Note, sollen sie mich doch feuern. Oh, hoppla. Eine Explosion im Chemiesaal. Das Knistern vom Feuer ist bis jetzt das Beste am ganzen Spiel. Dann geht auch noch ein Alarm los, wir müssen raus zum Sammelplatz. Keine Ahnung, wo der schon wieder sein soll. Es gibt keine Karte, keine Richtungspfeile, nix. Aber zum Glück auch keinen Zeitdruck, ich kann ganz in Ruhe suchen. Die Schüler folgen mir eh nicht, die haben wahrscheinlich gar keinen Bock auf den ganzen Quatsch und verbrennen lieber freiwillig, als das alles noch weiter zu ertragen.
Kotzfontänen und andere Überraschungen
Na ja, und so geht es dann weiter. Wir verfolgen die Geschichte von Jeremy, dem Kloraucher und Wettbewerbsrapper, lernen unter anderem auch seinen Vater kennen, der offensichtlich Chirurg ist, direkt von der Arbeit zu einem Lehrergespräch kommt und deswegen natürlich in voller OP-Montur dort auftaucht. Ertragen allerhand dämliche Aufgaben, die man gar nicht vermasseln kann, und zusammenhanglose, willkürlich eingeworfene Sätze ohne Sinn und Verstand. Zum Glück sind die häufig so leise und undeutlich genuschelt, dass man sie gar nicht erst versteht. Sind eh nicht relevant für irgendwas. Manchmal hat man die Wahl zwischen zwei Aktionsmöglichkeiten – keine Ahnung, ob irgendwas davon die Story beeinflusst. Wahrscheinlich nicht, soviel Mühe hat man sich sicher nicht gegeben beim Programmieren, dass es da auch noch verschiedene Verläufe gibt. Edit: Nachdem ich nach einem Spielabsturz an einer Stelle kurz vor so einem Auswahlmenü wieder herausgekommen bin, kann ich bestätigen: Egal, welche Antwortmöglichkeit man wählt, es kommt aufs selbe raus. Es macht auch alles keinen Sinn. ES MACHT KEINEN SINN! Was ist das alles für ein Quatsch?!
Apropos: Später gibt es noch einen Busausflug, offensichtlich mit der Twilight Zone als Ziel. Jedenfalls sehen alle Mitreisenden und das gesamte Bus-Interieur sehr eigenartig aus, sind komisch gefärbt, und unser guter Jeremy kotzt in hohem Bogen ganze Fontänen aus. Das eine kann aber natürlich auch nur ein Grafikfehler sein, und Jeremy göbelt halt wegen der Gesamtsituation. Vorsicht übrigens beim Schulausflug, falls ihr so weit kommen solltet: Wenn ihr euch in der plötzlich überraschend weitläufigen Landschaft umschaut, fallt nicht über den Rand der Welt. Von da aus kommt ihr nie wieder weg und verbringt dann halt die Ewigkeit zwischen Himmel und Erde schwebend. Macht aber auch nix, den Weg zurück zu unserer Hütte hätte ich eh nicht wiedergefunden. Spiel beenden und mit „Continue“ weitermachen lässt euch dann immerhin die traumhaft schöne Bus-Szene nochmal erleben. Ihr wisst schon, die mit der Kotzfontäne.
Was dann passiert, glaubt einem eh keiner. Ich möchte jetzt auch gar nicht so viel spoilern, falls das tatsächlich irgendjemand mal spielen will. Es wird immer absurder, dann gibt es eine eher unerwartete Sequenz, wegen der das Spiel von mir aus auch ab 16 hätte sein können, dann hält man noch eine Abschiedsrede in der Aula vor den gleichen Charakteren, die man schon kennt, die aber plötzlich aus irgendeinem Grund anders aussehen, dann war offenbar noch ein Spielchen vorgesehen, das es dann doch nicht ins fertige Game geschafft hat – na ja, und das war es dann auch schon. Spiel vorbei, Spieler ratlos. Tja.
Zusammengefasst
Die Grafik ist recht okay, solange keine Menschen zu sehen sind. Die sind überhaupt nicht gut geglückt, haben keine Mimik, bewegen sich bescheuert und in immer den gleichen Loops und sind hässlich wie die Nacht. Zum Glück gibt es nicht viele davon, die Schule ist relativ entvölkert. Natürlich gibt es etliche Grafik- und Clippingfehler, aber das ist nur konsequent, schließlich wimmelt es ja auch von Sound-, Logik- und allen möglichen anderen denkbaren Fehlern. Die Vertonung ist durchwachsen. Laut Credits wurden sowohl echte Sprecher als auch AI genutzt, das erklärt, warum manche Sätze klingen wie vom Navi gesprochen, selbst wenn die Situation drum herum etwas dramatischer ist. Soundeffekte oder Musik gibt es kaum.
Die Missionen sind einfach nur eine Beschäftigungstherapie, man muss dafür nichts können oder wissen und kann auch anscheinend nichts falsch machen. Und so erledigt man halt eine dösige Aufgabe nach der anderen, dann kommt der Schulausflug, dann geht es noch ein bisschen weiter – und nach allerhöchstens 2 Stunden ist der ganze Spaß dann auch schon wieder vorbei. Aber wirklich allerhöchstens. Ich habe ein bisschen gebraucht, mich an die Steuerung zu gewöhnen, andere sind da bestimmt schneller. Noch ein Edit: Ich hab es just for fun noch mal durchgespielt, weil es mich jetzt gerade mal interessiert hat. Inklusive Absturz, wieder an der gleichen Stelle, sind es ca. 40 Minuten.
Das mit den 7 Tagen aus dem Beschreibungstext war auch gelogen, keine Ahnung, wie die darauf kommen. Es ist einfach eine Aneinanderreihung von nichtssagenden Szenen, die alle nichts miteinander zu tun haben. Die Protagonisten mit ihren angeblich einzigartigen Charakteren sind vollkommen egal, alles ist egal, es gibt keine Story, es ist alles nur ein großer Haufen Blödsinn, um es freundlich auszudrücken. Und trotzdem habe ich es bis zum Ende gespielt und dann sogar noch mal. Weil es einfach so schräg und absurd ist. Und weil die Aufgaben schnell erledigt sind, keine Mühe machen und nicht weiter stören. Und weil es trotz allem irgendwie ganz spaßig ist, sich immer wieder zu fragen „WTF? Was soll das??“
Ich weiß nicht, was man sich bei diesem Spiel gedacht hat. Beim besten Willen nicht. Aber es ist schräg, stellenweise überraschend, und durch die ungewohnte Steuerung sind mir bestimmt ein paar neue Hirnzellen gewachsen. Alles in allem weit von einer Kaufempfehlung entfernt. Aber wenn ihr mal was Seltsames spielen wollt und Bock habt auf einen 40minütigen Fiebertraum, dann guckt halt mal. Aber nur für 99 Cent, mehr bitte nicht.
* Das Beitragsbild wurde von uns mit Hilfe des „Bing Image Creator“ erstellt.



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